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Artikel

2011 24.10. Montag

Beruflicher Kurswechsel

Geschrieben unter Neues aus dem Fuchsbau
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Schienen, die sich gabeln

Es ist nun gut drei Monate her, dass ich meine Selbständigkeit, die immerhin knapp vier Jahre währte,  an den Nagel gehängt habe, um mich wieder als Angestellter zu verdingen.

Die Entscheidung ist damals bewusst, wenn auch sicherlich nicht leicht gefallen. Das ewige Pro und Contra: Freie Zeitbestimmung, komplette Eigenverantwortung und mehr oder weniger freie Projektwahl gegenüber festen Arbeitszeiten, regelmäßiger Bezahlung und dem einfachen Wissens- und Gedankenaustausch im Team.

Nach dieser noch frischen Zeit als Angestellter hier mein bisheriges Resumée zu den beiden Status und wie ich sie im direkten, noch frischen Vergleich für mich einordne.

Die (Frei)Zeit

Ohne Frage, die freie Zeiteinteilung als Selbständiger ist das Nonplusultra. Nicht nur, weil man mal Frühs, mal Nachts arbeiten kann, bei schönem Wetter einfach mal die Sonne auf einer Wiese geniesst, sondern auch weil organisatorische Dinge, Behördengänge, Einkäufe und all das wirklich funktionieren. Im Laufe der Selbständigkeit habe ich das nie so bewusst wahrgenommen, es war selbstverständlich. Nun, bei 8,4 Arbeitsstunden am Tag, Fahrt zur Arbeit und zurück bleibt nicht mehr viel über. Während der Woche passiert nicht viel produktives, zumindest in meinem bisherigen Rhythmus. Auf der anderen Seite erfährt das Wochenende eine neue Wertschätzung. Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich, abgesehen von der stressigen Phase am Ende der Schulzeit vor 12 Jahren die zwei freien Tage derart ausgekostet habe. So schräg das klingt, aber das ordne ich „pro Angestelltenverhältnis“ ein.

Das Arbeitsumfeld

Hier prallen für mich zwei Welten aufeinander. Was ich definitiv genieße und was auch ein Hauptgrund für meinen Wechsel weg von der Selbständigkeit war, ist die Möglichkeit, täglich mit vielen Leuten zu interagieren, sich auszutauschen und sowohl über Arbeit als auch private und gesellschaftliche Dinge zu diskutieren. Das Team in dem ich bei der Messe Basel arbeite ist phantastisch und meine Teamchefin/Abteilungsleiterin ist einfach nur großartig. Vielleicht ist es aber auch nur Ablenkung und nach der Probezeit wird dann die Peitsche rausgeholt… Bald weiß ich mehr. ☺

Auf der anderen Seite schmerzt es nach wie vor, wenn man sein vertrautes, über die Jahre hinweg aufgebautes und optimiertes Bürosetting gegen ein recht unattraktives Großraumbüro austauscht, dessen blassgelbe Tische, schwammigen Bürostühle und zwischenzeitlich enorme Lärmpegel das Wohlfühlen auf eine harte Probe stellen. Und nur weil Vitra auf den Möbeln steht, muss das nicht gleich ansprechend gestaltet sein…

Ebenfalls leichter war die Essensbeschaffung zu Hause. Schnell an den Kühlschrank, ein Brot geschmiert oder aber zur Entspannung einfach mal was Leckeres gekocht. Davor eine Runde Sport gemacht, auf dem Radl oder im Fitness Studio… nun wird in erster Linie das Bäuchlein kultiviert. Meine zwischenzeitlichen Ambitionen, zu gekochtes auf Arbeit mitzunehmen hat sich nie in die Tat umsetzen können. Vermutlich auch, weil ein Mittagessen mit Blick auf den Arbeitsplatz nur beschränkt den Appetit anregt.

Die Arbeit

Die Messe ist keine Kreativagentur. Von daher fällt es schwer, die Jobs hier direkt mit denen aus einer rein gestalterischen und redaktionellen Selbständigkeit zu vergleichen. Allerdings ist meine Entscheidung bewusst gegen eine Kreativbutze gefallen. Zumindest wäre ich nie im Leben zu 100% in einem Grafikbüro eingestiegen. Bei der Messe waren vor allem die recht geregelten Arbeitszeiten und der Umstand, dass alle Überstunden ausgeglichen werden ein entscheidendes Kriterium. Zudem hat mich der organisatorische Aspekt gereizt, den ich mit meinem Amt als Art Director fürs Web nun innehabe.

Das Online-Team in dem ich arbeite und das gerade massiv ausgebaut wird, soll eine stark beratende, konzeptionelle und aufklärende Funktion im Bereich Neue Medien innerhalb der Firma einnehmen. Das ist genau die Schiene, die mir bei den vielen kleinen Projekten als Selbständiger immer wieder gefehlt hat. Dieser Aufbau und damit das Einreißen von Altbewährtem, ist sicherlich ein holpriger Weg, aber gerade diese Auseinandersetzung, der Umgang mit den verschiedensten Charakteren und Meinungen ist für mich eine spannende Erfahrung, die mich auch persönlich enorm weiterbringen wird.

Daneben fallen dennoch einige gestalterische Arbeiten an, bei denen ich mir, trotz vieler (noch) vorhandener recht starrer Einschränkungen die ein oder andere kreative Idee aus den Fingern saugen kann. Zudem bemerke ich, wie viele Dinge, die ich als Selbständiger komplett vernachlässigt habe, allmählich wieder beginnen unter den Nägeln zu brennen: Das Weiterschreiben an meiner neuen Grundlagenschulung zu Photoshop, das Zeichnen in meinem Blackbook etc.  So gesehen also ein Vorteil, auf Arbeit nicht zu kreativ sein zu können.

Mein Fazit

Zugegeben, nach so einer kurzen Zeit kann ein Fazit vielleicht nicht ernst genommen werden. Zu sehr hängt man noch an dem Vertrauten, aber einige Dinge zeichnen sich für mich dennoch bereits jetzt klar ab:

Der Weg aus der Selbständigkeit war eine sehr gute Entscheidung. Alleine die Möglichkeit, mit anderen Personen jeden Tag zusammen zu arbeiten und sich auszutauschen ist in meinen Augen der viel schnellere Weg, sich zu entwickeln. Ich lerne mit Widerständen verschiedenster Art umzugehen, bekomme den souveränen Umgang einiger Kollegen mit anderen Menschen mit und nehme all diese Eindrücke, sowohl negative als auch die vielen Positiven mit Freude auf und merke bereits jetzt, wie ich daran reife.

Auf der anderen Seite zeigt mir die 100%-Anstellung auch deutlich, dass dies kein Status ist, den ich mir über viele Jahre hinweg beibehalten möchte. Zu sehr hänge ich dafür am Entwickeln eigener Projekte und Ideen, frei von dem Willen Anderer. Hier sind vor Allem meine Bemühungen im Bildungsbereich durch Schulungen und Lerndokumente zu nennen. Mein ehemaliges Portal Photozauber ist entstanden, weil ich die Zeit und die Leidenschaft dazu hatte, dem nachzugehen. Zeit, die nun einfach fehlt. Ebenso die Zeit, sich intensiv mit neuen Trends auseinanderzusetzen, zu Experimentieren und Testen. Das ist für mich vielleicht das gefährlichste an einer Festanstellung, in der für solcherlei Dinge keine Ressourcen verfügbar sind. Es fällt schwer sich Abends noch im Privaten aufzuraffen, nochmals ein paar Stunden am Computer zu sitzen.

Wie es mittelfristig genau weitergeht will ich gar nicht orakeln. Bis auf eine Reduzierung meiner Stelle um ein paar Prozent im kommenden Jahr lasse ich alles einfach passieren. Dinge passieren sowieso wie sie wollen- und das ist auch gut so. Damit bleibt das Leben dann doch kreativ. ☺

 

Kommentare (8 Einträge) zum Seitenanfang

  1. Gravatar von Clemens Gleich

    Clemens Gleich | 25.10.2011

    Tja, diese Argumente hängen eben sehr von der handelnden Person ab. Ich bin gerade in einer Phase des “Body Renting”, also meine Zeit statt meine Endarbeit wird gekauft. Dabei hat es mich regelrecht schockiert, dass Leute einfach so während wichtiger Denkvorgänge in mein Zimmer kommen können, um mich zuzuschwallen.

    Ein anderer Kollege hat dann versucht, mit denselben Argumenten, die Du als positiv empfindest (soziale Büroumgebung), das Angestelltentum als erstrebenswert zu zeichnen, aber ich bevorzuge zum Arbeiten meine asoziale Büroumgebung: ich entscheide alles zunächst mal allein.

    Am allerwichtigsten jedoch: Als Selbständiger hat man im Regelfall über 95 Prozent weniger Meetings! (Meetings sind der Vorhof der Hölle.)

  2. Gravatar von pixelSophie

    pixelSophie | 04.11.2011

    Hi Philip,
    ich habe deinen Beitrag gelesen und fand ihn sehr interessant. Ich bin Angestellt und spiele mit dem Gedanken als Endziel mal Selbständig zu sein. Ich glaube noch nicht mal das, das besser ist, ich habe einfach nur Lust “mein Ding” zumachen, weil ich fest davon überzeugt bin das, das was ich vorhabe mir wahnsinnigen Spass macht. Aber bis dahin muss ich noch ordentlich was wegsparen und auch noch einiges an Erfahrung sammeln. Ich finde übrigens das du sehr recht damit hast, wenn man Selbständig arbeitet, dann hat man natürlich weniger Reflektion, als in einem Team.

  3. Gravatar von Philip Fuchslocher

    Philip Fuchslocher | 07.11.2011

    Hey Sophie,

    was das Sparen und die Erfahrung angeht:

    Ersteres ist sinnvoll, zumindest eine kleine Grundlage (ich hatte das selber nicht. Ich bin Hals über Kopf in die Selbständigkeit gestürzt. Recht spontan und ohne viel darüber nachzudenken. Ich wusste damals nur, dass mir das Agenturleben das ich vor der Selbständigkeit hatte so nicht zusagt und wollte da schnell raus.)

    Erfahrung sammelst Du allerdings auch wunderbar als Selbständige. Zwar in einer anderen Form als fest angestellt, aber deswegen sehe ich keinen Grund, eine Selbständigkeit auf die lange Bank zu schieben, wenn man Lust drauf hat.

    Das schöne als Grafiker: Man hat keine abartig hohen Anschaffungskosten für Gerätschaften und Waren. Selbst wenn es nicht so gut läuft steht man nicht gnadenlos überschuldet da und kann sich jederzeit wieder anstellen lassen.

  4. Gravatar von pixelSophie

    pixelSophie | 07.11.2011

    Hey Philip,
    also ich habe es nicht so eilig mit der Selbständigkeit aus verschiedenen Gründen. Zunächst mag ich meine Arbeit(stelle) wirklich sehr gerne und fühle mich da auch wohl. Und weiterhin habe ich ehrlicherweise auch einfach noch einen zu großen Respekt vor der Selbständigkeit - alleine. Mit einem Partner stelle ich es mir einfacher vor, denn geteiltes Leid ist ja doch halbes Leid und zwei Mal Kompetenz ist sicherlich besser als einer alleine. Am liebsten würde ich mich gern nebenher ein bisschen Selbständig machen, da ich momentan auch nur Halbtags angestellt bin, bleibt in meinem Fall auch wirklich noch Zeit übrig.
    Erfahrung sammelt man sicherlich auch jede Menge in der Selbständigkeit, nur wie ich bereits geschrieben habe, traue ich es mir derzeit einfach noch nicht zu. Ich habe zwar Kompetenzen bezüglich meines Berufes, aber alles andere (z.B. Buchhaltung) fehlt mir wirklich nahezu komplett.
    Und das sparen, es stimmt als Grafiker, ich bin ja eher so n “Laborheini” muss natürlich auch nicht so viel investieren, aber ein bisschen was dann doch. Ich benötige eine PS Lizenz (eine neue, die derzeitige läuft noch auf meinen Ex-Mann) und ich möchte mir einen Epson Fine Art Drucker zu legen. Meine Vorstellung ist als Dienstleistung, das Fine Art Printing und die Bildbearbeitung, eventuell mit der Kombination Digitalisierung. Das ist was ich gut kann und ich rechne mir da auch am Markt Chancen auf erfolg aus.
    Ich habe da wirklich Lust drauf, aber bisher reicht das Geld noch nicht für den Epson und ein kleines Polster hätte ich vorher doch irgendwie gerne. Im moment läuft es auch ganz gut, wie geschrieben kann ich einiges auch neben meiner Anstellung machen und das ist dochd er Weg mit doppeltem Boden, was will man mehr =)
    P.s. ich mag deine Seite, vor allem auch optisch, wirklich sehr gerne!
    Grüße!

  5. Gravatar von Philip Fuchslocher

    Philip Fuchslocher | 07.11.2011

    Hey Sophie,

    ich wollte Dich auch nicht direkt in die Selbständigkeit drängen. Nur ein wenig die Angst nehmen vor dem Schritt, wann immer er kommen mag. :)

    Ich empfand die neuen, auch gerade organisatorischen Aufgaben, immer als spannende Abwechslung neben dem Gestalten bzw. Abproduzieren. Zumindest wenn es nicht darum ging, einem Kunden zum zehnten Mal auf die Füsse zu treten, wegen offener Rechnungen… ;)

    lg

  6. Gravatar von pixelSophie

    pixelSophie | 07.11.2011

    Hey Philip,

    ja das ist dir auch gelungen, die Angst ist ein bisschen weniger geworden. Die Vernunft (das Sparen) noch da ;)
    Mal sehen wie es sich entwickelt, ich bin erst vor einem Jahr wieder in meine alte Heimat gezogen und habe meine ganzen Fotokontakte in München, nun muss ich mir hier erstmal etwas aufbauen. Aber es läuft, ich habe ja Arbeit, arbeite nebenher für eine Fotografin und mach sonst noch so Zeugs :)
    Falls mal wieder das Photoshop für billig rausgeht, schick ma n Link ;)
    Grüße!

  7. Gravatar von Olaf

    Olaf | 10.01.2012

    Zunächst mein Kompliment für sehr gute Infos auf PSD-Tutorials. Über diesen Kanal habe ich Sie gefunden und bin sehr schwer beeindruckt. Das wollte ich mal loswerden!

    Wenn ich meine aktuellen Schulungsunterlagen durch habe, werde mich mit Vergnügen ihr Video2Brain-Produkt kaufen ;-)

    Ich bin nun seit meinem 18. Lebensjahr selbständig, seit über 16 Jahren quasi hauptberuflich. Und ich habe Ihren Artikel mit einiger Skepsis gelesen. Natürlich, wenn man ein kommunikativer Typ ist, dann kann das Leben in einem Großraumbüro Vorteile bieten. Mir persönlich reicht der Kontakt zu den Kunden völlig aus, um meinen kommunikativen Bedarf zu decken.

    Andererseits habe ich auch Austausch fachlicher Art durch Subunternehmer, Spezialisten, die zu Projekten hinzugezogen werden und eben durch die diversen Kunden unterschiedlicher Größenordung. Mir reicht das :)

    Die Selbständigkeit war und ist sicher nicht immer leicht, doch habe ich die Erfahrung gemacht, dass, wenn man der Typ ist für selbständiges Arbeiten, also ohne Fremdmotivation an die Arbeit geht, dann wird das normale “Arbeitsleben” einen über die Zeit kaputt machen. Klingt hart, ist aber so. Die Erklärung ist denkbar einfach: Alle anderen Angestellten brauchen den täglichen Tritt in den Hintern (bildlich gesprochen) damit sie funktionieren. Einen Selbständigen nervt das nur und dieser Faktor wird irgendwann sehr unangenehm werden.

    Doch ich möchte Sie nicht belehren. Sie gehen Ihren Weg und ich wünsche Ihnen alles Gute dafür. Es ist schade, dass Sie nicht mehr am Markt sind. Sie haben durch Ihre Arbeiten den Bereich Webdesign bereichert. Schade, dass Sie Ihre Fähigkeiten nun nur noch einen Auftraggeber zur Verfügung stellen ;-)

    Nochmals. Alles Gute, vielen Dank für alles, was Sie uns gegeben haben.

  8. Gravatar von Philip Fuchslocher

    Philip Fuchslocher | 27.01.2012

    Hallo Olaf,

    danke für das Lob und den netten Beitrag. Ich fühle mich auch in keiner Weise belehrt. :)
    Letztlich macht ja jeder seine eigenen Erfahrungen.

    Meine Projekte während der Selbständigkeit waren meist nicht so gross, als dass ich mit vielen weiteren Parteien ausser dem Kunden und meinem Entwickler zu tun gehabt hätte. Mit Ausnahme der Zeiten als Freelancer in einer Agentur bzw. dem Buch- und DVD-Projekt.

    Langfristig sehe ich mich aber definitiv auch nicht als 100% Angestellter. Dazu liegt mir das selbständige Arbeiten, Verwalten und die Selbstorganisation doch viel zu sehr am Herzen. Irgendwie ist man als (kreativer) Selbständiger gefühlt wie in einer kleinen Kommune, in der man genau weiss, wie sich der andere grad fühlt, wenn man Tweets, Blogposts etc. liest. Das fand ich immer ganz grossartig.

    Aber so ganz ruhen die eigenen Projekte ja auch nicht, neben der Festanstellung…

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